"Heimatstädte sind dazu da, dass man sie liebt und hasst" (Erwin Pelzig)

Erstaunlich viele Kabarettisten aus der Region um die Domstadt sind bundesweit erfolgreich. Bloßer Zufall oder glückliche Fügung?





 
 
 

Arbeiten seit Mitte der 80er zusammen: Urban Priol (links) und Bockshorn-Chef Mathias Repiscus, gemeinsam im aufblasbaren Pool in Repiscus’ Garten im Sommer 2003. Foto: Thomas Brandstetter

Mittelalterliche Geschichte und ihre Burgen war das Vorlesungsthema, und der Hochschulprofessor erklärte, dass Burgen auf Bergen Berg-Burgen heißen und Burgen im Tal Tal-Burgen. 200 Studenten schrieben eifrig mit. Und Urban Priol langweilte sich ganz fürchterlich. „Das war's“, dachte er sich in diesem Moment. Er verließ den Hörsaal, um die Julius-Maximilians-Universität in Würzburg nie mehr zu betreten. Drei Scheine hatten ihm noch gefehlt zu den Examen in den Studiengängen Englisch, Russisch und Geschichte, Fachrichtung Lehramt. „Ich habe es noch nie bereut“, sagt Urban Priol heute, ein Vierteljahrhundert später.

Offenbar hat Priol (geboren 1961 in Aschaffenburg, aufgewachsen in Obernburg) damals nur den letzten kleinen Kick gebraucht, um das Risiko einzugehen, professionell Kabarett zu machen. „Den Kopf vollgepumpt mit Informationen und Assoziationen legen sich die Pointen auf seine Zunge und drängen schnell hinaus, ob er will oder nicht, sie müssen raus, weil ihm sonst wahrscheinlich irgendwann der Kopf platzen würde.“ Das sagte Priols Würzburger Kollege Frank-Markus Barwasser (Jahrgang 1960), als er die Laudatio auf Priol hielt bei der Verleihung des Deutschen Kabarettpreises. Mittlerweile sind die beiden Partner, nicht nur im Geiste. Nach Georg Schramms Rückzug im Sommer 2010 präsentiert nun Barwassers Alter Ego Erwin Pelzig mit Priol zusammen die ZDF-Show „Neues aus der Anstalt“, die mit weitem Abstand erfolgreichste Satiresendung im deutschen Fernsehen.

Kabarett und Würzburg? Klar! Da fällt den Meisten erstmal der Pelzig ein: kackbraunes Feincordhütli, ledernes Herrenhandtäschli, rot-weiß-kleinkariertes Hemdli unterm Trachtenjanker – optisch ist Barwassers Kunstfigur die Fleisch gewordene Spießigkeit, inhaltlich der Mensch gewordene Störfaktor.

Kabarettistisches Dreieck am Main: Universität, Katholizismus, Wein

Würzburg und Kabarett? Das ist aber bei weitem nicht nur der Pelzig: Neben Barwasser und Priol bespielen die Bühnen der Republik Vince Ebert (geboren 1968 in Miltenberg), Rolf Miller (1967 in Wertheim), Michl Müller (1972 in Bad Kissingen), Philipp Weber (1974 in Miltenberg) und Mathias Tretter (1972 in Würzburg). Ebert findet, dass es in Würzburg die „perfekte Verbindung von Wissenschaft und Weinfest gibt“, weshalb aus den Studenten so viele Kabarettisten hervorgegangen seien, und Tretter meint, dass „das Angebot aus Katholizismus und Weinstuben in Würzburg gut ist“.

Wurzeln in Unterfranken hat außerdem  Holger Paetz (der Westerwelle aus dem traditionellen Singspiel beim Starkbieranstich auf dem Münchner Nockherberg), der zwar in München geboren wurde (1952), aber in Aschaffenburg aufwuchs und sein Studium an der Uni in Würzburg abbrach, um anfangs seiner Karriere mit selbst geschriebenem Liedgut und Texten durch die unterfränkische Provinz zu tingeln. Seine Erinnerung an Würzburg: „Das Studentenleben war angenehm. Als störend erwies sich nur die Uni.“

Auch Comedy-Rüpel Ingo Appelt (1967 in Essen geboren) ist mit Würzburg vertraut. Weil sein Stiefvater, Profi-Fußballer Günter „Nobby“ Fürhoff, 1978 beim damaligen Zweitligisten FV 04 Würzburg (der 1981 in Konkurs ging) anheuerte, verbrachte Appelt seine Jugend am Main. Er lernte bei Siemens Maschinenschlosser und hatte Ende der 80er erste Auftritte bei Konferenzen der IG Metall.

Richard Rogler (geboren 1949 in Selb) hat seine ganz eigenen Erfahrungen gemacht mit der Domstadt. Der vielfach preisgekrönte Kabarettist, später Stammpersonal im ARD-„Scheibenwischer“ und Gast in nahezu jeder Satiresendung im deutschen Fernsehen, studierte in den Siebzigern in Würzburg Französisch und Sport auf Lehramt, er war Mitglied der Kinder- und Jugendtheatergruppe „Ömmes & Oimel“. Rogler sperrte sogar einmal den Würzburger Stadtrat ein. Er hatte gerade begonnen, Kindertheater zu machen. „Unser Stützpunkt war ein altes Schloss in Remlingen.“ Roglers Gruppe hatte die Zusage für eine Premiere am Stadttheater. „Plötzlich hieß es, der Stadtrat wolle vorher sehen, was wir so machen. Zensur in Reinstform.“ Also fuhren in Remlingen, einem Markt im Landkreis Würzburg, zwölf schwarze Limousinen vor. „Wir haben die Leute hereingebeten. Und von außen abgeschlossen. Dann sind wir in die Kneipe gegenüber gegangen und haben ein paar Bier getrunken“, erzählte Rogler einmal. Das Stück – laut dem Kabarettisten ganz harmlos, „so etwas wie der kleine Däumling in moderner Fassung“ – durften Rogler und Co. dann natürlich nicht im Stadttheater aufführen. Und in den Schulen, sagt Rogler, durften sie auch nicht auftreten. „Deshalb haben wir Würzburg dann verlassen und sind ins Ruhrgebiet gefahren.“ Dort ließ man sie spielen.

Kabarett und Würzburg? Da darf einer natürlich nicht fehlen: Mathias Repiscus. Der Impresario des Kabarettkellers Bockshorn, das er im Oktober 1984 in Sommerhausen vor den Toren Würzburgs gründete – 2001 zog er dann in die Domstadt in den neuen Kulturspeicher um –, gilt als großer Talenteförderer. „Ohne Mathias Repiscus wäre die deutsche Kabarettszene ein großes Stück kleiner! Ich habe sehr viel von meinem Schweizer gelernt“, sagt etwa Michael Mittermeier, den Repiscus anfangs unter seinen Fittichen hatte. „Dass der Junge Talent hatte, hab' ich gesehen, aber bis wir fertig waren, war das harte Arbeit“, sagt Repiscus und lächelt dabei. Er hat Ingo Appelt gefördert, auch Dieter Nuhr, heute sucht die junge Garde um Tretter und Weber seinen Rat, und mit Urban Priol arbeitet der gebürtige Schweizer seit Mitte der 80er zusammen – Repiscus führte bei jedem von Priols Bühnenprogrammen Regie.

Priols Stärken sind das Tempo und die Fähigkeit, aus Unzusammenhängendem aberwitzige Fäden zu spinnen, die er zu einer bisweilen absurden, manchmal traurigen, oft brüllend komischen Logik verdichtet, und beim Reagieren auf die Tagesaktualität schlägt ihn sowieso keiner. Als Student wohnte der Hochgeschwindigkeitskabarettist, der mit seinen hochtoupierten Fusselhaaren, der fast runden Brille und den quietschbunten Hemden von erlesener Scheußlichkeit daherkommt wie eine Mischung aus Struwwelpeter, Woody Allen und Detektiv Magnum, im Würzburger Stadtteil Grombühl, wo auch das unterfränkische Idiom zu Hause ist, das ihn offenbar tief beeindruckte: „,Hallo! Hier dürf' Sie fei nix gebarg.' – Solche Sätze stählen für ein Kabarettistenleben.“ Wobei man dazu wissen sollte: Auch Priol bemüht sein Hochdeutsch eher selten, er mag diesen Aschaffenburger Dialekt – nicht mehr Fränkisch, noch nicht ganz Hessisch –, der, anders als bei Barwassers Pelzig, keine Kunstsprache ist, sondern mitten aus dem Leben kommt.

Auch Frank-Markus Barwasser ficht so manchen Strauß mit seiner Heimatstadt aus: Er hat zwar nie in Würzburg studiert (sondern, nach der Redakteursausbildung bei der Würzburger Tageszeitung „Main-Post“, Politikwissenschaften, Neuere Geschichte und Ethnologie an den Universitäten in München und im spanischen Salamanca) – aber Kindheit und Jugend prägen schließlich auch. Wenn man mit Barwasser ratscht und er sich dabei erinnert an seine „wilde Mopedzeit“ und an Würzburg als „Stadt, an der man sich wunderbar reiben kann“, dann kann man auch ein Gefühl dafür bekommen, was er meint, wenn er sagt: „Heimatstädte sind ja dazu da, dass man sie liebt und hasst. Das Schlimmste ist doch, wenn sie einem gleichgültig sind.“

Ein ernsthafter Mensch mit sehr viel Humor

Vielleicht hat er deshalb die Zelte noch nicht endgültig abgebrochen. Barwasser hat auch einen Wohnsitz in München, und in der Bretagne besitzt er ein Häuschen, sein „Ort der Unschuld“, wo er so wunderbar abschalten kann und „mit bestem Gewissen einfach auch mal nichts tut“. Aber darüber spricht er nicht so gerne. Viel lieber und ausführlicher und ernsthaft und lustig erzählt er von der Gratwanderung zwischen intelligenter Unterhaltung, dumpfen Ablachpointen, auf die er gerne verzichtet, und dem vermeintlich aufklärerischen Anspruch des Kabaretts.

Man muss sich Frank-Markus Barwasser schon als ziemlich ernsthaften Menschen vorstellen, als ernsthaften Menschen mit sehr viel Humor, und wenn man ihn ein bisschen länger kennt und weiß, dass er bisweilen gerne grübelt und manchmal dazu neigt, den Perfektionismus zu perfektionieren, dann kann man ahnen, wie diebisch er sich auch freut, wenn ihm Sätze einfallen wie dieser: „Würzburg war schon zweimal führend: das erste Mal bei der Hexenverbrennung und etwas später dann beim Schuldenstand.“

Womöglich kann man auch heute noch den Eindruck bekommen, dass der Kabarettist Frank-Markus Barwasser verschlungen zu werden droht von seinen Figuren. Er hat ja noch mehr als sein zwar kleines kariertes, aber ganz sicher nicht kleinkariertes anderes Ich: Erwin Pelzig, Hartmut, Doktor Göbel – dem einen fehlt der Vor-, dem anderen der Nachname, nur einer ist wirklich komplett in dieser satirischen Dreifaltigkeit. Beim Versuch, im Koordinatensystem von Pelzig, Hartmut, Doktor Göbel auf der einen und ihrem Schöpfer auf der anderen Achse, neben den Figuren auch den Menschen Frank-Markus Barwasser zu orten, landet man zwangsläufig immer wieder bei seinen, ja, man muss es so schreiben: zu Kult gewordenen Geschöpfen. Es war mal ein alter Freund in einer Vorstellung, einer aus den wilden Würzburger Mopedzeiten, mit dem Barwasser seit 20 Jahren keinen Kontakt mehr hatte. Der Spezi hatte Pelzig noch nie gesehen, anschließend sagte er, dass es für ihn wie eine Reise in die Vergangenheit gewesen sei, weil er so viele Leute und Situationen wieder erkannt habe. „Da ist mir erst wirklich bewusst geworden“, sagt Barwasser, „wie viel Erlebtes und Erlittenes drinsteckt.“

Sicher sagt das ziemlich viel über den Künstler aus, und vielleicht sagt es sogar noch mehr über den Menschen Frank-Markus Barwasser – und über seine Heimatstadt.

Text: Thomas Brandstetter

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